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Aus dem sikanischen Reich Cocalo
der Grafschaft Peralta (13. Jh. v. Chr. – 14. Jh. n. Chr.),
das auf dem südlichen Ausläufer des Sikanischen Berglandes,
dem Kratas, lag, entstand eine der antiksten Städte
Siziliens: Caltabellotta. Dank ihrer besonderen Position war
diese Bergstadt stets ein bedeutender strategischer Punkt
und spielte für mehr als zweitausend Jahre in der Geschichte
des gesamten Gebiets zwischen den Flüssen Belice und Platani
eine entscheidende Rolle. Vielfach umkämpft, beherrscht,
geplündert und zerstört von den Völkern, die Sizilien im
Verlauf der Jahrhunderte besetzten, hat sie immer überlebt,
wurde wieder aufgebaut und änderte ihre Position und sogar
ihren Namen. Die zwei Grotten auf dem Gipfel des Monte S.
Pellegrino bilden den Ursprung von Caltabellotta aus
prähistorischer Zeit. Die vier Nekropolen, die die Stadt
umgeben, zeugen von sikanischer Zivilisation aus der frühen
Bronzezeit. Auf dem nahen Berg Gulèa bildete sich in der
protohistorischen Ära die erste Ansiedlung, die sich
zunächst auf die anrainende Hochebene S. Benedetto
beschränkte, sich anschließend bis zu den umliegenden
Ortschaften ausweitete und schließlich die Stadt Inycon ins
Leben rief. Die Akropolis erhob sich ursprünglich vom Gipfel
des Berges Gulèa, wurde dann im 13. Jh. v. Chr. jedoch auf
den nahe gelegenen Felsen Camico (heute Gogàla) verlegt,
dessen Name von dem seines einstigen, berühmten Herrschers
Cocal abgeleitet ist. Die Akropolis ist in die Geschichte
eingegangen, weil sie einer fünfjährigen Belagerung
standgehalten hat und gehört heute zu den berühmtesten der
Antike, gemeinsam mit denen von Mykene, Pergamon in Troya
und Cadmea in Theben. Im 6. Jh. v. Chr. erreichte die Stadt
einen außerordentlich hohen Entwicklungsstand, änderte aber
aufgrund der hellenischen Vorherrschaft ihren sikanischen
Namen Inycon, der zum letzten Mal von Erodotos und Platon
(5. Jh. v. Chr.) genannt wurde, in den griechischen Triokala,
der erstmalig von Filisto di Siracusa (5. Jh. v. Chr.)
erwähnt wird. Dieser neue Name der Stadt vereint in sich
drei vorteilhafte Qualitäten: Wasserreichtum, fruchtbaren
Boden und ein starkes Verteidigungssystem (nach Diodorus).
Im Jahr 258 v. Chr. wurde die Stadt während des ersten
Punischen Krieges von den Römern zerstört. Aber im Gegensatz
zu allen anderen, befestigten sikanischen Ansiedlungen, die
in der Geschichte untergegangen sind, lebt sie wieder auf,
nachdem ihre Bewohner nahe dem Ortsteil S. Anna, der heute
Troccoli heißt, die neue Stadt Trokalis (neues Triokala)
gründeten. Gogàla unterlag dem gleichen Schicksal wie die
Stadt und auch seine Geschichte endet nicht im 3. Jh. v. Chr.,
weil es später Schauplatz weiterer wichtiger Ereignisse war.
Im Verlauf des zweiten Sklavenkrieges (104-99 v. Chr.) ließ
sich der Sklavenführer Salvio Trifone, der beschlossen hatte,
den Ort aufgrund seiner „Trägheit“ (nach Diodorus) zu
verschonen, mit seinen Männern auf der Hochebene S.
Benedetto und dem Felsen Gogàla nieder. Damit erweckte er
die von den Römern zerstörte Stadt zu neuem Leben, wenn auch
nur für fünf Jahre, da der Konflikt mit der Niederlage der
Aufständischen endete. Die eintausend Sklaven, die den Krieg
überlebt hatten, wurden unter der Führung von Satiro in
Ketten nach Rom gebracht, wo sie den Freitod wählten, um
nicht in der Arena mit wilden Tieren kämpfen zu müssen, und
schrieben mit diesem Opfer ein bedeutendes Kapitel der
Geschichte. Unter zunächst römischer und später
byzantinischer Herrschaft unterstand Trokalis noch für mehr
als zehn Jahrhunderte der Tributspflicht. Mit dem Sieg des
Christentums wurde die Stadt Sitz einer der sizilianischen
Diözesen, die ebenfalls von den Flüssen Platani und Belice
begrenzt wurde. Laut Überlieferung war der erste Bischof der
Heilige Pellegrino, der aus Lucca di Grecia kam. Im 9. Jh.
n. Chr. wurde die Bevölkerung, bedroht von den Übergriffen
der Sarazenen, gezwungen, erneut auf den Gipfel des Kratas
zurückzukehren, wo sich in einer Ecke des Gogala, die heute
Terravecchia genannt wird, die neue Ansiedlung Balateta (R.
Pirro) herausbildete. Nach Einfall der Araber (860-1091)
bekam der Ort den Namen Qalat al Balat, der „Festung auf den
flachen Steinen“ („balate“, nach Edrisi) bedeutet und von
dem auch der heutige Name Caltabellotta abstammt. Die im
Jahr 1091 von Graf Roger vertriebenen Muslime wurden
gezwungen, in das nahe gelegene Sciacca umzusiedeln, wo sie
sich in dem Viertel niederließen, das noch heute den Namen
Ràbato trägt. Anstelle der Araber kamen die Normannen, die
den Zugang zu Qalat al Balat durch eine Stadtmauer mit zwei
Toren (Salvo Porto und S. Salvatore) einschränkten. Die
Normannen blieben bis zum 29. Dezember 1194. An diesem Tag
wurden Wilhelm III, letzter Erbe des normannischen Throns,
und dessen Mutter, Königin Sybille, mit List aus ihrem
Schloss in Caltabellotta gelockt und beschuldigt, eine
Verschwörung gegen Heinrich VI von Hohenstaufen angezettelt
zu haben. Sie wurden verhaftet und als Gefangene nach
Deutschland verschleppt. Dieses Ereignis inspirierte Wolfram
von Eschenbach Mitte des 13. Jahrhunderts zur Erwähnung des
Schlosses von Caltabellotta in seinem Parsifal. Die
Normannen wurden von den Hohenstaufen abgelöst. Im Jahr 1270
wurde in dem gleichen Schloss die Rückkehr Guido d’Ampierres
von seinem Kreuzzug unter der Führung von S. Luigi IX, König
von Frankreich gefeiert. Dem prunkvollen Bankett wohnten
viele Adlige bei, die sich von dem berühmtesten Hofsänger
dieser Epoche Adam le Roi unterhalten ließen. Nach der
Revolution der Sizilianischen Vespern (31. März 1282) folgte
Caltabellotta dem Beispiel Palermos. Der Krieg zwischen den
Anjou und den Aragon wurde am 29. August 1302 mit einem
Friedenspakt beendet, der in Caltabellotta unterzeichnet
wurde und Friedrich III von Aragon, der den Sizilianern zu
Hilfe geeilt war, wurde mit dem Titel Friedrich II zum König
Siziliens gekrönt. Während der spanischen Herrschaft verlor
Caltabellotta ihre zentrale politische und administrative
Bedeutung und wurde in Grafschaften aufgeteilt. Auf Wunsch
von König Peter II von Aragon wurde im Jahr 1338 der Admiral
des Reiches Raimondo Peralta zum ersten Graf von
Caltabellotta ernannt. Nach der Eheschließung zwischen
Artale de Luna und der Tochter Wilhelms Margherita Peralta
Chiaramonte ging die Grafschaft im Sommer 1400 an die
Familie Luna über, der als Hochzeitsgeschenk die Ländereien
und Schlösser von Bivona, Cristia, Giuliana, Poggio Diana
und Sciacca zugesprochen wurden.
Die spanische Herrschaft dauerte bis zum Jahr 1713 an, in
dem Sizilien zunächst an Amedeo II aus Piemont übertragen
und nach dieser kurzen österreichischen Herrschaft im Jahr
1734 dem bourbonischen Reich von Neapel angegliedert wurde.
Alles, was danach kommt, ist neuzeitliche Geschichte.
Natürlich hat Caltabellotta heute nicht mehr die politische
und administrative Bedeutung der Zeit, in der es zur
Hauptstadt des sikanischen Reichs von Cocalo gehörte.
Dennoch hat sie das Privileg bewahrt, aus der Höhe ihres
Schlosses Castello Luna alle umliegenden Ortschaften (sozusagen
virtuell) zu dominieren, die in klaren Sommernächten mit
ihren Lichtern das Gebiet und die Grenzen abzeichnen,
innerhalb der sich einst ihre stolzen Schlösser erhoben. Was
bleibt ist eben diese, stolze Lage in 900 Metern Höhe über
einem Tal, das bis zum nahen Meer abfällt, fast wie ein
Observatorium Europas über Afrika. „Die außerordentliche
Blick von Caltabellotta“ schrieb Goethe. Uns bleibt der
Zauber einer Stadt, die mit den Sternen spielt, eine Stadt
auf dem gleichen Breitengrad wie Tunis, die im Winter
mitunter schneebedeckt oder von einem dichten Nebel
eingehüllt ist, mit ihrer fast das ganze Jahr über
strahlenden Sonne jedoch den Zauber eines frischen, luftigen
Ortes bewahrt, der nur 20 Minuten von afrikanischen
Gewässern entfernt ist. Der historische Stadtkern mit seinen
mittelalterlichen Gassen, Höfen, Plätzen, den vielen
Zeugnissen arabischer Kultur und den zahlreichen, sorgfältig
restaurierten Häusern ist der ideale Ort für einen längeren
Aufenthalt, der von der Herzlichkeit der Einwohner, der
Unverfälschtheit seiner Produkte und dem vielfältigen
Kultur- und Unterhaltungsangebot noch weiter bereichert wird.
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